Der Zusammenhang zwischen Umweltlärm, Arbeitslärm und Herzinfarkt (Myokardinfarkt) untersuchte die Studie „Chronischer Lärm als Risikofaktor für den Myokardinfarkt – ‚NaRoMI’-Studie” – im Auftrag des UBA und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (s. Publikationen). Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befragten 4.115 Patientinnen und Patienten in Berliner Kliniken in einer „Fall-Kontroll-Studie”. Jedem Herzinfarktpatienten stand ein (bei Frauen zwei) gleichaltriger Kontrollpatient gegenüber, der wegen eines lärmunabhängigen Leidens in Behandlung war, zum Beispiel einem Unfall. Das Ergebnis: Die an Herzinfarkt erkrankten Männer wohnten häufiger an lauteren Straßen als die Kontrollpatienten. Dies zeigte sich besonders deutlich, wenn nur Personen betrachtet wurden, die schon länger – mindestens zehn Jahre – in ihrer Wohnung lebten. Darüber hinaus gab es eine klare „Dosis-Wirkungs-Beziehung”: Männer in lauten Wohnungen (mit einem Tages-Mittelungspegel von über 65 dB(A) außerhalb der Wohnung), hatten ein um 20 bis 30 Prozent höheres Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, als Männer aus ruhigeren Gebieten (Tages-Mittelungspegel bis 60 dB(A)). Bei den Frauen war kein eindeutiger Zusammenhang des Herzinfarktrisikos mit der Straßenverkehrslärmbelastung feststellbar.
Unterschiedliche Aktivitäten von Frauen und Männern im Tagesverlauf könnten dafür eine Rolle spielen; darüber hinaus könnte es bei den Daten der Frauen statistische Verzerrungen durch den unbekannten Menopausenstatus und die nicht erhobene Einnahme von Hormonpräparaten gegeben haben.
Zwischen der Lärmbelastung am Arbeitsplatz und dem Risiko für Herzinfarkt konnten die Fachleute keinen eindeutigen Zusammenhang feststellen. Ein höheres Risiko wurde bei moderater Arbeitslärmbelastung beobachtet, jedoch nicht bei sehr hohen Schallpegeln. Dies kann an dem bekannten „healthy worker effect” liegen: Personen mit chronischen Krankheiten könnten lauten Arbeitsplätzen bewusst ausgewichen sein (Selbstselektion). Die Ergebnisse der Studie bekräftigen die Vermutung, dass Lärmbelastung das Risiko für den Herzinfarkt erhöht.
In einer kritischen Literaturübersicht hat das Umweltbundesamt die Ergebnisse verschiedener epidemiologischer Lärmwirkungsstudien bewertet und in einer Meta-Analyse zusammengefasst. Daraus haben wir eine Dosis-Wirkungs-Kurve abgeleitet, die sich für quantitative Risikobetrachtungen und -berechnungen heranziehen lässt. Solche Risikoberechnungen spielen eine große Rolle für umwelt- und gesundheitspolitische Entscheidungen. Die Ergebnisse der Meta-Analyse enthält der englischsprachige Forschungsbericht „Transportation Noise and Cardiovascular Risk” (s. Publikationen). Nach diesem Bericht ist zu befürchten, dass rund drei Prozent aller Herzinfarktfälle in Deutschland durch Straßenverkehrslärm hervorgerufen sind.
Die Ergebnisse der Studien des Umweltbundesamts sind im Einklang mit den Erkenntnissen der aktuellen Leitlinien für Umgebungslärm für die Europäische Region (2018) der Weltgesundheitsorganisation. Diese beinhalten quellenspezifische Empfehlungen für fünf Umgebungslärmquellen: Straßenverkehr, Schienenverkehr, Luftverkehr, Lärm von Windenergieanlagen, Lärmbelastung während des Ausübens von Freizeitaktivitäten. Die Leitlinien sind mit Hilfe eines standardisierten, wissenschaftlich anerkannten methodischen Verfahrens entwickelt worden, dem eine systematische Analyse der relevanten wissenschaftlichen Literatur samt Bewertung der Evidenz zu Grunde liegt. In diesem Rahmen stuft die Weltgesundheitsorganisation die Evidenz des Zusammenhangs zwischen ischämischen Herzerkrankungen und der Belastung durch Straßenverkehrslärm als hoch ein. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass bei einer durchschnittlichen Dauerschallbelastung von 59 dB(A) LDEN das Risiko straßenverkehrslärmbedingt an einer ischämischen Herzerkrankung zu erkranken bereits bei über 5 Prozent liegt.