Wenn ein Pflanzenschutzmittel ausgebracht wird, verbleibt der Großteil davon auf dem Feld. Tiere, die in den Feldern leben, sind den Mitteln völlig ausgesetzt. Die wenigsten Wirkstoffe wirken spezifisch gegen einzelne Schädlinge. So haben z. B. die allermeisten Insektizide ein breites Wirkspektrum. Sie wirken sowohl gegen den jeweiligen Schädling, als auch gegen viele andere in den Feldern lebende Insekten. Viele Pflanzenschutzmittel sind auch giftig für Regenwürmer und andere Bodentiere. Diese schädlichen Effekte auf Insekten, Spinnentiere, Regenwürmer und andere Bodenlebewesen werden zwar in der Risikobewertung festgestellt und würden zu einer Nichtzulassung des jeweiligen Mittels führen. Wenn der Pflanzenschutzmittelhersteller aber Studien einreicht, die zeigen, dass die Giftwirkung des Mittels innerhalb eines Jahres nach der Anwendung so stark nachlässt, dass sich die betroffenen Populationen durch Wiedereinwanderung erholen könnten, dann kann und muss dieses Mittel nach geltenden Bestimmungen zugelassen werden. Die Bedingungen in diesen Studien sind jedoch weitaus günstiger als in der Realität, so dass die tatsächlichen Risiken unterschätzt werden.
Wenn nach der Anwendung eines Mittels Tiere im Feld gestorben sind, dann sollen danach neue Tiere aus der umliegenden Landschaft in das Feld einwandern. Studien zur Erholung von Insekten oder Regenwürmern werden als sogenannte Freilandstudien durchgeführt. Hier werden auf definierten Flächen die Auswirkungen des Mittels ein Jahr lang untersucht. Die Testflächen haben jedoch im Durchschnitt nur ein Fünfzehntel der Größe realer Felder und können dadurch deutlich leichter wiederbesiedelt werden. Eine Einwanderung zahlreicher Insekten- und Regenwurmarten in ein Feld ist zudem nur möglich, wenn das Feld von artenreichen Lebensräumen umgeben ist, in denen diese Tierarten vorkommen. Die deutsche Agrarlandschaft ist in vielen Regionen, vor allem in Nord- und Ostdeutschland, jedoch ausgesprochen strukturarm. Oftmals liegen intensiv bewirtschaftete Felder direkt neben anderen intensiv bewirtschafteten Feldern. Es fehlen hier artenreiche Habitate als Quellen für eine erfolgreiche Wiederbesiedlung.
Eine Erholung der geschädigten Population kann weiterhin durch erfolgreiche Fortpflanzung der verbliebenen Tiere erfolgen. Auch wenn dies in den vorgelegten Studien gezeigt werden kann, ist die Übertragbarkeit auf reale Bedingungen zweifelhaft, denn die Flächen in Freilandstudien werden nur mit dem zu testenden Mittel behandelt. Die Studien werden also auf weitestgehend rückstandsfreien Flächen unter nahezu optimalen Bedingungen durchgeführt. In der Realität ist es aber so, dass ein konventionell bewirtschaftetes Feld in einer Saison mehrfach behandelt wird, oft auch mit mehreren Mitteln gleichzeitig. Diese Mehrfachanwendungen können dazu führen, dass eine Erholung durch Fortpflanzung nicht stattfindet, weil die verbliebenen Tiere zeitnah durch ein anderes Mittel ein weiteres Mal geschädigt werden. Außerdem verbleiben viele Pflanzenschutzmittelrückstände auch über mehrere Anbausaisons im Boden, so dass besonders Bodenbewohner schon vor der Anwendung des ersten Mittels unter einem höheren toxischen Stress stehen.