DAS-Handlungsfeld „Küsten- und Meeresschutz“
Monitoringbericht 2023 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel
Monitoringbericht 2023 zur Deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel
Die Küstenregionen sind für Deutschland von besonderer soziokultureller, ökologischer und ökonomischer Bedeutung. Die Lebensräume am Übergang zwischen Land und Meer sind einzigartig und zeichnen sich durch eine hohe Dynamik, aber auch große Sensibilität aus. Sie beherbergen auch viele seltene Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig sind sowohl das Meer als auch die Küstengebiete von großer wirtschaftlicher Bedeutung. So sind die Seefischerei und die fischverarbeitende Industrie in den Küstengebieten nach wie vor ein bedeutender Arbeitgeber (siehe Handlungsfeld „Fischerei“). Hinzu kommen die maritime Industrie wie der Schiffs- und Bootsbau mit ihren Zulieferern und Dienstleistern sowie die Meeres- und Offshore-Technik inklusive der Windenergieanlagen. Küstennahe Niederungsgebiete dienen der landwirtschaftlichen Produktion. Nicht zuletzt ermöglicht der hohe Freizeit- und Erholungswert der Küstengebiete den Anrainergemeinden eine hohe touristische Wertschöpfung. Die intensive Nutzung setzt die Meere und den Küstenraum stark unter Druck. Vielerorts leiden der Zustand des Meeres und die angrenzenden Küstengebiete unter den wirtschaftlichen Aktivitäten. Die Auswirkungen des Klimawandels bringen zusätzliche Belastungen und Herausforderungen.
Auch die Meere selbst sind vom Klimawandel massiv betroffen. Die Erwärmung verursacht umfangreiche ökosystemare Veränderungen. Gleichzeitig spielen die Meere als CO2-Speicher für den Klimaschutz eine wichtige Rolle.
Durch ihre Speicher-, Puffer- und Austauschfunktion übernehmen die Weltmeere eine Schlüsselrolle im Klimasystem der Erde. Insbesondere in den tieferen Schichten speichern die Ozeane einen Großteil der durch den anthropogenen Treibhauseffekt verursachten zusätzlichen Wärmemenge. Der Einfluss der steigenden Lufttemperatur infolge des Klimawandels lässt sich aber auch an der Wasseroberfläche messen. So belief sich die mittlere Erwärmung der Wasseroberfläche der Nordsee auf 0,26 °C pro Dekade. Die jährlichen Werte unterliegen natürlichen Schwankungen (siehe Indikator KM-I-1). Die Erwärmung der Meere hat massive Auswirkungen auf das Meeresökosystem. Unmittelbar äußert sich dies unter anderem in einer veränderten Zusammensetzung der Fischfauna (siehe Indikator FI-I-1) und schrumpfenden Fischbeständen einzelner Arten, beispielsweise beim Hering (siehe Indikator FI-I-2).
Eine weitere unmittelbare Folge der Wärmespeicherung im Ozean ist die Volumenzunahme des Meerwassers. Sie ist eine wesentliche Ursache des Meeresspiegelanstiegs. Pegel an Nord- und Ostsee zeigen einen Anstieg der Wasserstände über die letzten Jahrzehnte (siehe Indikator KM-I-2). Für Küstenregionen, insbesondere für Ästuare, küstennahe Fließgewässer und die teilweise unter dem Meeresspiegel liegenden Niederungsgebiete, bedeutet der Meeresspiegelanstieg ohne Gegenmaßnahmen erhöhte Risiken. Unter anderem steigt die Überschwemmungsgefahr infolge von Sturmfluten, da diese entsprechend dem mittleren Meeresspiegelanstieg höher auflaufen können. Zudem kann bei Sturmfluten vermehrt Meerwasser in die in das Meer mündenden Fließgewässer gedrückt werden und auch in Fließgewässern ohne starken Gezeiteneinfluss zu einer zeitweisen Umkehr der Fließrichtung führen (siehe Indikator KM-I-5). Die Entwicklung der Sturmflutintensität und -häufigkeit an Nord- und Ostsee zeigt im Verlauf der letzten rund 150 Jahre allerdings kein eindeutiges Bild (siehe Indikator KM-I-3).
Sehr unmittelbar zeigen sich die Auswirkungen des steigenden Meeresspiegels an den Küsten. Laufen die Wellen und Sturmfluten infolge des Meeresspiegelanstiegs höher auf, bieten sich ihnen neue Angriffsflächen entlang der Küste. Aktive Steilufer weichen dadurch noch schneller zurück, bisher stabile Küstenabschnitte können beginnen, zurückzuweichen. Dies deutet eine Fallstudie aus Mecklenburg-Vorpommern an, die auf Daten zu einem repräsentativen Steilküstenabschnitt auf dem Fischland an der Ostsee beruht (siehe Indikator KM-I-4). Hier verlagert sich die Steilküste erosionsbedingt pro Jahr 20 bis 40 cm landeinwärts. Vor allem in Jahren mit häufigen und schweren Sturmfluten verbunden mit hohen hydrodynamischen Belastungen (Seegang und Strömung) kann der Rückgang der Küstenlinie aber auch deutlich mehr betragen.
In Küstenniederungen können klimawandelbedingt intensivere Niederschläge zu häufigeren Überschwemmungen führen. Im Winter fällt Niederschlag zunehmend als Regen, im Sommer steigt das Risiko für Starkregenereignisse. Um Schäden vorzubeugen und insbesondere die landwirtschaftliche Produktion in den Niederungen dauerhaft aufrechterhalten zu können, steigt in Küstennähe der Bedarf für künstliche Entwässerung durch Schöpfwerke. Häufigere Hochwassersituationen erfordern höhere Leistungen der Schöpfwerke und haben einen steigenden Stromverbrauch zur Folge (siehe Indikator KM-I-6).
Im Handlungsfeld „Küsten- und Meeresschutz“ werden nach den Ergebnissen der Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 bis zur Mitte des Jahrhunderts mit hoher Gewissheit die größten Risiken bei der Veränderung von Meerestemperatur und Eisbedeckung gesehen. Hohe Klimarisiken bestehen auch für die Klimawirkungen Meerwasserqualität und Grundwasserversalzung, Meeresspiegelhöhe, Naturräumliche Veränderungen an Küsten sowie Überlastung der Entwässerungseinrichtungen in überflutungsgefährdeten Gebieten. Die Gewissheit der Einschätzung zu diesen Klimawirkungen liegen zwischen mittel und hoch.
Bis zum Ende des Jahrhunderts wird zusätzlich eine hohe Gefahr für eine Beschädigung oder Zerstörung von Siedlungen und Infrastrukturen an der Küste erwartet. Die Wahrscheinlichkeit für hydrodynamische Klimawirkungen wie eine Erhöhung von Sturmflutwasserständen oder Veränderungen in der Strömungs- und Gezeitendynamik wird als mittel eingeschätzt. Dies gilt auch für die sich daraus ergebende steigende Belastung oder das Versagen von Küstenschutzanlagen. Die Risikobewertung ist bei diesen Klimawirkungen jedoch mit geringer Gewissheit verbunden.
Die Küsten- und Meeresgebiete der Nord und Ostsee unterscheiden sich in ihren morphologischen und hydrodynamischen Eigenschaften. Im Küstenverlauf wechseln Steil- und Flachküstenabschnitte, und diese reagieren unterschiedlich auf die Auswirkungen des Klimawandels. Die Nordsee steht zudem unter starkem Einfluss der Tide, während die Gezeiten an der Ostsee nur schwach ausgeprägt sind. Dies erfordert für das Monitoring, dass die Indikatoren stets differenziert mit Blick auf die entsprechenden Bedingungen an der Nordsee und der Ostsee entwickelt und interpretiert werden. Gleichzeitig ermöglicht jedoch der bundesweite Zuschnitt des DAS-Monitorings nur sehr eingeschränkt bundesland- oder gar regionsspezifische Betrachtungen. Um dennoch wichtige Themen wie die Küstenerosion oder die zunehmenden Herausforderungen der Entwässerung der küstennahen Niederungsgebiete im DAS-Monitoring adressieren zu können, wird für den Monitoringbericht 2023 mit Fallstudien gearbeitet (siehe Indikatoren KM-I-4 und KM-I-6). Diese lassen keine allgemeinen Rückschlüsse auf den gesamten deutschen Küstenraum zu. So erlaubt die Fallstudie zur Veränderung der Steilküste auf dem Fischland / Ostsee keine Aussagen zum Küstenrückgang an anderen Küstentypen. Ebenso wenig sind die Entwässerungsbedingungen im Gebiet des in der Fallstudie KM-I-6 dargestellten Eider-Treene-Schöpfwerksverbands mit denen der anderen Schöpfwerksverbände unmittelbar vergleichbar. Mit Blick auf diese Themen gilt es daher, nicht nur zusätzliche Datenquellen zu erschließen, sondern auch weiterführende konzeptionelle Vorstellungen zu entwickeln, wie man unter Berücksichtigung der heterogenen Verhältnisse zu generalisierenden Aussagen kommen kann.
Erhebliche methodische, teilweise auch datentechnische Herausforderungen bestehen ebenso für die Beschreibung von Phänomenen wie der Verschiebung der Brackwasserzone im Ästuarbereich beziehungsweise bis ins Landesinnere hinein, der Versalzung küstennaher Grundwasservorkommen oder auch der Auswirkungen von Sturmfluten auf den Hochwasserschutz im Binnenbereich. Die Kleingruppe Klimaindikatoren, die von der LAWA zur Entwicklung gemeinsamer Indikatoren im Wasserbereich eingesetzt wurde, diskutierte diese und weitere Themen. Dennoch bedarf es bis zur Entwicklung aussagekräftiger Indikatoren weiterer wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Als besonders schwierig erweist sich, dass gerade die Küstengebiete, auch die hier mündenden Fließgewässer, in erheblichen Teilen stark anthropogen überprägt sind und sich damit sehr vielfältige Einflussfaktoren überlagern. Die unmittelbaren Effekte des Klimawandels herauszuarbeiten, ist vor diesem Hintergrund eine große Herausforderung, teilweise auch gar nicht möglich.
Da Investitionen in den Küstenschutz in Deutschland zum deutlich überwiegenden Teil aus der GAK finanziert werden, sind diese über die bundesdeutsche GAK-Berichterstattung abbildbar (siehe Indikator KM-R-2). Für Schäden, die an Küstenschutzsystemen entstehen, gibt es hingegen keine zentrale Datenhaltung. Ähnlich verhält es sich mit Schäden an Siedlungen und Infrastrukturen im Hinterland. Auch Versicherungsdaten lassen sich nicht spezifisch für diese Regionen auswerten. Möglicherweise werden die Arbeiten zum Aufbau eines bundesweiten Klimaschadenskatasters durch BMUV und UBA weitere Erkenntnisse hervorbringen.
Mögliche Beeinträchtigungen touristischer Nutzungsmöglichkeiten an der Küste werden in den DAS-Handlungsfeldern „Tourismuswirtschaft“ (siehe Indikatoren TOU-I-1 und TOU-I-3) und „Menschliche Gesundheit“ (siehe Indikator GE-I-7) thematisiert. Eine umfassendere und systematischere Betrachtung kann aber bisher nicht erfolgen. Dies gilt in besonderer Weise auch mit Blick auf Anpassungsmaßnahmen und -aktivitäten. Auch hier gibt es neben den Datenlücken nach wie vor konzeptionelle Herausforderungen.
Generell sind die Verknüpfungen zwischen Meeresschutz und Klimaanpassung im DAS-Monitoring noch kaum thematisiert, die Meeresökosysteme selbst noch wenig im Blick. Hier gibt es nach wie vor Wissens- und Datenlücken, es besteht aber die Befürchtung, dass sich der Klimawandel zum größten Motor des Artensterbens im Meer entwickelt. Eine vertiefende Diskussion zu möglichen Indikatoren wie zur Versauerung und zum Verlust von Sauerstoff (auch der Zunahme von Todeszonen ohne Sauerstoff) und deren Folgen für die Artenzusammensetzung steht noch aus.
Wirksame Klimaanpassung ist für den Küstenschutz unverzichtbar. Die vorhandenen technischen Einrichtungen und Schutzanlagen müssen infolge des Klimawandels erhöhten hydrologischen Belastungen standhalten. Gleichzeitig steigen die Nutzungsintensität und das Schadenspotenzial in den Küstenregionen weiter. Daher unterliegt die Bemessung für Küstenschutzbauwerke in Deutschland der regelmäßigen Überprüfung und Anpassung der Eingangsparameter. Beispiel für eine umfassende Berücksichtigung der wachsenden Gefährdung durch erhöhte Sturmflutwasserstände ist die Anpassung der Landesschutzdeiche in Schleswig-Holstein (siehe Indikator KM-R-2). Unsichere Deiche werden mit Blick auf den erwarteten Meeresspiegelanstieg bereits seit 2001 mit einem Sicherheitszuschlag von 0,5 m verstärkt. Durch eine breitere Deichkrone und eine flachere Außenböschung, die seit 2009 bei Deichverstärkungen umgesetzt werden, kann ein Meeresspiegelanstieg von bis zu 1,0 m ausgeglichen werden. 2018 folgte das Konzept „Klimadeich“, das seit 2022 im Generalplan Küstenschutz verankert ist. Es sieht vor, die Landesschutzdeiche in mehreren Bauphasen zu erhöhen, um einen Meeresspiegelanstieg von bis zu 2,0 m ausgleichen zu können. Der Anteil von Landesschutzdeichen ohne Sicherheitsdefizit stieg auf zuletzt 81,7 %.
Die Umsetzung von Maßnahmen zum Küstenschutz ist kostenintensiv. Zu den Schutzmaßnahmen zählen neben der Stabilisierung, Erweiterung oder Erhöhung sowie dem Neubau von Schutzbauwerken zunehmend auch Sandvorspülungen. Sie beugen einer zunehmenden Küstenerosion vor und gleichen den Abtrag von Stränden aus. In Deutschland werden die Maßnahmen des technischen Küstenschutzes zum deutlich überwiegenden Teil aus der GAK finanziert (siehe Indikator KM-R-2). Mit dem Ziel der Klimaanpassung stellt der Bund den Küstenbundesländern über einen GAK-Sonderrahmenplan in den Jahren 2009 bis 2025 für Küstenschutzmaßnahmen zusätzlich 25 Mio. Euro pro Jahr zur Verfügung. Mit dem geänderten GAK-Rahmenplan 2023–2026 wurden die Mittel für den Sonderrahmenplan ab dem Jahr 2023 noch einmal deutlich aufgestockt. Zudem wurde bereits jetzt die Finanzierung der Maßnahmen von Bundesseite bis zum Jahr 2040 abgesichert.
Für die Entwicklung der deutschen Küstengebiete ist die 2006 von der Bundesregierung verabschiedete Nationale Strategie für ein Integriertes Küstenzonenmanagement (IKZM) relevant. Ihr Ziel ist es, den Küstenbereich als ökologisch intakten und wirtschaftlich prosperierenden Lebensraum zu entwickeln und zu erhalten. Es handelt sich um einen informellen Ansatz zu Koordination, Partizipation und Erfahrungsaustausch. Der Klimawandel wird im IKZM-Prozess zwar berücksichtigt, eine spezifische Anpassungsstrategie beinhaltet er allerdings nicht.
Im Bereich des Meeresschutzes wurden bisher keine DAS-Monitoringindikatoren entwickelt. Es ist nach wie vor schwierig, konkrete Anpassungsmaßnahmen zu benennen. Letztendlich muss es darum gehen, den anthropogenen Nutzungsdruck deutlich zu senken, vermehrt Schutzzeiten vorzusehen oder Schutzzonen einzurichten.
Im Bereich der Forschung wurden im Rahmen der Forschungsstrategie „Forschung für Nachhaltigkeit“ (FONA) der Bundesregierung zentrale Forschungsziele für die Meeres-, Küsten- und Polarforschung im ressortübergreifenden Fachprogramm MARE:N definiert. MARE:N besteht aus den drei Säulen Küsten-, Meeres- und Polarforschung und ist als Handlungsrahmen für zukünftige Fördermaßnahmen konzipiert. Mit den MARE:N-Konzeptpapieren „Küste im Wandel“ und „Blauer Ozean“ (2018) sowie „Polarregionen im Wandel“ (2021) wurden die Weichen für die zukünftige Forschungsförderung des BMBF in der Küsten-, Meeres- und Polarforschung gestellt. Mit den beiden erstgenannten Programmen laufen umfangreiche Forschungsaktivitäten zu den Schwerpunkten Klimawandel und Küstendynamik, ökosystemarer Küstenschutz sowie Änderungen der Biodiversität und Stoffflüsse.