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Gewässertyp des Jahres 2025 - Kiesiger Tieflandbach

Foto eines Baches in einem Wald
Gewässertyp des Jahres 2025 - kiesgeprägter Tieflandbach
Quelle: Ricarda Börner

Naturnahe Gewässer bilden für eine Vielzahl von Individuen wertvolle Lebensräume. Die Gewässer unterscheiden sich in ihrer Größe und ihrem Vorkommen in den Ökoregionen und Höhenlagen Deutschlands. Sie werden in charakteristische Gewässertypen eingestuft. Diese bilden verschiedenste Lebensräume und beherbergen typspezifische Lebensgemeinschaften. Der Gewässertyp 2025 ist der kiesige Tieflandbach.

Inhaltsverzeichnis

Eigenschaften

Die kiesigen Tieflandbäche befinden sich in den kiesigen und hügeligen Ablagerungen, die das Inlandeis der letzten Eiszeiten hinterlassen hat. Diese geologischen Ablagerungen sind in Norddeutschland als Grund- und Endmoränen oder in Schleswig-Holstein als Geest bekannt und prägen die Landschaft.

Im Verlauf des kieseigen Tieflandbaches wechseln sich regelmäßig flach überströmte Schnellen mit tieferen, ruhigeren Wasserabschnitten ab. Die natürliche Breite dieser Bäche liegt meist zwischen drei und fünf Metern, doch ihre Entwicklungsbreite – der Raum, den sie für ihre natürliche Dynamik benötigen – kann 20 bis 40 Meter betragen.

Der Bachgrund besteht überwiegend aus Kies und Steinen mit einem Durchmesser von zwei Millimetern bis sechs Zentimetern. Die Bäche sind eher flach und ihre Wassertiefe variiert nur geringfügig. Breiten- oder Tiefenerosion treten in unberührten Bachabschnitten kaum auf und das Querprofil dieser Bäche gleicht einer kastenförmigen Struktur.

Die Bachsohle solcher Tieflandbäche bietet, je nach Beschaffenheit des Sohlmaterials, unterschiedliche Lebensräume für eine vielfältige Fauna. Dazu gehören Köcherfliegen, Hakenkäfer, Strudelwürmer, Schnecken, Eintags- und Steinfliegen. Diese Organismen sind oft speziell an das grobe, kiesige Substrat der Bachsohle angepasst.

In den Bächen dieses Typs findet man auf Steinen das Fieberquellmoos und die Krusten-Rotalge, die besonders in Schleswig-Holstein weit verbreitet ist.  Typischerweise wird dieser Bachtyp von Erlen-Eschen-Wäldern oder Eichen-Hainbuchen-Wäldern begleitet.

Größere Wasserpflanzen, wie das Wechselblütige Tausendblatt, verschiedene Hahnenfußgewächse oder Wasserstern-Arten treten nur vereinzelt auf; meist an lichteren Stellen im Bachbett, wo mehr Sonnenlicht auf das Gewässer trifft.

Die natürliche Zusammensetzung der Lebensgemeinschaften unsere Gewässer, auch die der kiesigen Tieflandbäche, wurde durch die letzte Eiszeit und das Abschmelzen der vergletscherten Gebiete geprägt, typisch ist deshalb ein Vorkommen vieler kaltstenothermer Organismenarten, also von Arten die an einen niederen Temperaturbereich angepasst sind. Steigt zukünftig die Temperatur in unseren Bächen durch den Klimawandel, werden diese Arten durch wärmetolerierende und wärmeliebende Arten verdrängt. Auch das durch höhere Temperaturen im Sommer zu erwartende häufigere Austrocknen unserer Bäche bedroht viele Arten unserer Gewässer.

Nutzung, Belastung, Maßnahmen

Die kiesgeprägten Tieflandbäche und ihre umliegenden Gebiete sind stark von menschlicher Nutzung geprägt. Mehr als 85 Prozent dieser Gewässer gelten als ausgebaut und naturfern. Besonders problematisch sind Wehre. Sie blockieren die Wanderwege von Fischen und führen durch den Rückstau zu einer starken Erwärmung des Wassers Zudem zerstört die Begradigung und Befestigung der Ufer wichtige Lebensräume im Bach. Ein weiteres Problem für diese Bäche sind Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft.

Naturbelassene Abschnitte dieser Gewässer findet man heute fast ausschließlich in den tiefen Tälern der Endmoränen, beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern. Viele dieser Bachabschnitte stehen inzwischen unter Naturschutz.

Maßnahmen zur Verbesserung der Tieflandbäche sind vielfältig. Renaturierungen helfen, den natürlichen Verlauf wiederherzustellen. Durch hohe Fließgeschwindigkeiten in den Höhenlagen entwickeln sie eine eigendynamische Entwicklung sofern die Uferbefestigungen entfernt werden.

Wehre verhindern die Durchgängigkeit von Sediment, Fischen und anderen Lebewesen. Umgehungsgerinne oder Fischaufstiegsanlagen helfen, die Durchgängigkeit wiederherzustellen; ebenso der Umbau von kleineren Wehren in z.B. Rampen. Die bestmögliche Option ist der Rückbau von Wehren, wenn diese nicht mehr benötigt werden.

Maßnahmen zur Verringerung der Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft sind notwendig, um die Wasserqualität dieser Bäche zu verbessern.  Landwirte können mit einer veränderten Bewirtschaftung viel zum Schutz der Gewässer beitragen: Zwischenfruchtanbau etwa mit Ackersenf oder Bepflanzungen in Hanglagen zur Verminderung von Erosion und dem Abtrag von Nährstoffen. Der Einsatz von Düngemitteln sollte streng an den Bedarf der Kulturpflanzen angepasst werden. Das gilt auch für Drainagen, denn sie sind zusätzliche Nährstoffquellen und entwässern die Landschaft.

Renaturierungen und die Verringerung der Nährstoffeinträge helfen, die Widerstandsfähigkeit dieser Gewässer gegen die Auswirkungen des Klimawandels zu erhöhen.

 

Vorkommen

Typische kiesige Tieflandbäche sind die Ucker (Brandenburg), die Wandse (Hamburg), die Nebel (Mecklenburg-Vorpommern), die kleine Örtze (Niedersachsen), der Senserbach (Nordrhein-Westfalen), die Malenter Au (Schleswig-Holstein), der Kranichbach (Sachsen) und die Ihle (Sachsen-Anhalt).

Details zum Vorkommen können über diese Karte abgerufen werden:

http://gis.uba.de/website/apps/gdj

Link zur interaktiven Karte Vorkommen des Gewässertyps 2025 ; Details über Karte abrufbarhttp://gis.uba.de/website/apps/gdj
Quelle: Katrin Blondzik / FG II 2.4

Zustand

Das Ziel der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie ist ein guter ökologischer und chemischer Gewässerzustand. Um diesen Zustand zu ermitteln, werden die im Wasser lebenden Tiere und Pflanzen bestimmt, die Nähr- und Schadstoffe im Gewässer gemessen und die Lebensräume kartiert.

Aufgrund der intensiven Nutzung dieses Gewässertyps und den sich daraus ergebenden Belastungen erreichen derzeit nur zwei Prozent der kiesigen Tieflandbäche einen guten Zustand (Abb. 1). Mehr als 47 Prozent sind als mäßig eingestuft und nur eine Klasse von den Zielen entfernt. Mehr als 51 Prozent der kiesigen Tieflandbäche sind als unbefriedigend und schlecht bewertet.

Verbesserungsmaßnahmen zur Wiederherstellung der Durchgängigkeit für wandernde Fischarten, die Renaturierung der Lebensräume und die Reduzierung der Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft werden dazu beitragen, die Ziele kurz- und mittelfristig zu erreichen.

Kreisdiagramm über den ökologischen Zustand der kiesgepräften Tieflandbäche Ökologischer Zustand der kiesigen Tieflandbäche in Deutschland 2021.
Quelle: Katrin Blondzik / FG II 2.4

Steckbrief

Flache Bäche mit einer Einzugsgebietsgröße zwischen 10 und 100 Quadratkilometern sind typische Vertreter kiesiger Tieflandbäche. Beispiele für solche Gewässer finden sich in vielen Regionen Deutschlands, darunter die Ucker in Brandenburg, die Wandse in Hamburg, die Nebel in Mecklenburg-Vorpommern, die Kleine Örtze in Niedersachsen, der Senserbach in Nordrhein-Westfalen, die Malenter Au in Schleswig-Holstein, der Kranichbach in Sachsen sowie die Ihle in Sachsen-Anhalt. Der Gewässerlauf ist in Muldentälern meist unverzweigt, gestreckt oder geschwungen, während er in Sohlentälern stark mäandriert. Insgesamt weisen diese Bäche eine Vielzahl an Lauf-, Sohl- und Uferstrukturen auf, auch wenn einzelne Abschnitte nur eine geringe Strukturvielfalt sowie wenig Breiten- und Tiefenvarianz besitzen.

Als eher flacher Gewässertyp zeichnen sich kiesige Tieflandbäche durch eine dynamische Wasserführung aus. Bei Hochwasser kommt es daher zu deutlichen Geschiebeverlagerungen, wobei im Gewässerverlauf überwiegend flach und schnell überströmte Abschnitte dominieren. Das Sohlmaterial besteht vor allem aus Kies und Steinen, ergänzt durch Sand, Lehm und einen vergleichsweise hohen Anteil an Totholz, der zwischen 10 und 25 Prozent liegt. Diese Bedingungen schaffen vielfältige Habitate für zahlreiche Organismen.

Die Lebensgemeinschaft wird von strömungsliebenden und sauerstoffbedürftigen Arten geprägt, darunter vor allem Eintags- und Köcherfliegenlarven. Zu den typischen Kleinfischarten zählen Bachschmerle und Gründling, während größere kieslaichende Arten wie Bachforelle und Hasel ebenfalls häufig vorkommen. Charakteristische Wasserpflanzen sind das Fieberquellmoos und die Krusten-Rotalge, die sich dank des stabilen Untergrunds gut ansiedeln können. Trotz dieser ökologischen Vielfalt sind kiesige Tieflandbäche erheblichen Belastungen ausgesetzt. Besonders der Gewässerausbau stellt mit 87 Prozent den wichtigsten Belastungsfaktor dar, gefolgt von diffusen Stoffeinträgen aus der Landwirtschaft mit 66 Prozent sowie Veränderungen des Abflussverhaltens und der Beeinträchtigung der Durchgängigkeit durch Querbauwerke, die 45 Prozent der Belastungen ausmachen.

Der ökologische Zustand dieser Gewässer war im Jahr 2021 überwiegend kritisch: Lediglich 2 Prozent befanden sich in einem guten Zustand, während 47 Prozent als mäßig, 30 Prozent als unbefriedigend und 21 Prozent als schlecht eingestuft wurden.

Typische Pflanzen und Tiere

Die Krusten-Rotalge (Hildenbrandia rivularis)

Blutrot gefärbte Steine im Bachbett sauberer und schattiger Bäche - so erkennt man die Krustenrotalge leicht. Den Rotalgen fehlt das Chlorophyll b und sie sind im Vergleich zu vielen ihrer grünen Verwandten wesentlich seltener und anspruchsvoller. Die Krustenrotalge liebt es schattig. Das Entfernen von Schatten spendenden Ufergehölzen kann das Vorkommen dieser Art behindern.  In Deutschland gilt die Art gemäß der Roten Liste als gefährdet.

Foto einer Krustenrotalge Die Krustenrotalge „färbt“ Steine blutrot.
Quelle: Dr. Antje Gutowski

Die Wasserspitzmaus (Neomys fodiens)

In kühlen, klaren Bächen, kleinen Flüssen und Feuchtgebieten lebt die Wasserspitzmaus. Sie benutzt ihre Füße zum Schwimmen und Tauchen auf der Suche nach Nahrung. Sie ist eines der wenigen giftigen Säugetiere Mitteleuropas. Ihre Giftdrüsen unter der Zunge produzieren ein Sekret zum Töten ihrer Nahrung, z.B. Wasserinsekten, Schnecken oder kleine Fische und Frösche. Die nur wenige zentimetergroße Maus steht in Deutschland als geschützte Tierart unter Naturschutz.

Foto: Wasserspitzmaus auf einem im Wasser treibenden Holzstück sitzend. Wasserspitzmaus (Neomys fodiens)

Die Wasserspitzmaus ist eine durch das Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützte Art. Sie besiedelt die Ufer naturnaher Gewässer und kann deshalb durch Gewässerrenaturierungen gefördert werden.

Quelle: Emi / Fotolia

Die Steinfliege (Amphinemura standfussi)

Die Larve der Steinfliege Amphinemura kommt in sauerstoffreichen, fließenden Gewässern vor. Sie ist bräunlich gefärbt und bis zu 6 Millimeter lang. Durch ihre feine Behaarung haften oft Partikel an, die sie fast unsichtbar am Bachgrund erscheinen lassen. So ist sie perfekt getarnt vor Fressfeinden. Auffällig sind ihre büschelförmigen Tracheenkiemen, mit denen sie unter Wasser atmen kann. Sie ernährt sich, wie der Bachflohkrebs, von Blättern, die in den Fluss gefallen sind. Aus der Larve schlüpft nach einem Jahr Entwicklungsdauer die flugfähige Steinfliege. Ihr Hochzeitsflug ist in der Regel von April bis September.

Foto einer Steinfliegenlarve Gut getarnt ist die Larve der Steinfliege.
Quelle: Brigitta Eiseler

Der Bachflohkrebs (Gammarus fossarum)

In kleinen und mittelgroßen Fließgewässern mit einer guten Wasserqualität kann der Bachflohkrebs in großen Zahlen vorkommen. Sein Panzer ist braun-gräulich gefärbt. Die Männchen können eine Größe von etwa zwei cm erreichen; die Weibchen sind deutlich kleiner. Sie verstecken sich gerne unter Steinen oder Totholz. Ihre Hauptnahrung sind Blätter, die in den Fluss gefallen sind. Der Bachflohkrebs ist eine wichtige Nahrungsgrundlage für Fische und reagiert sensibel gegenüber Verschmutzungen im Gewässer.

Mikroskopbild eines Bachflohkrebses Bachflohkrebse sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für Fische.
Quelle: Brigitta Eiseler

Die Bachschmerle (Barbatula barbatula)

Kühl, flach und schnell fließend mit kiesig-sandigem Untergrund - hier fühlt sich die Bachschmerle sehr wohl. Sie hält sich gerne am Boden des Gewässers auf und versteckt sich tagsüber unter Steinen und Wurzeln. Sie durchsucht den Gewässergrund nach Nahrung, z.B. Insektenlarven, Schnecken, Laich oder pflanzliche Reste. Typisch für die Bachschmerle ist ihre dicke Schleimhaut über die sie auch atmen kann. Sie erreicht eine Größe von acht bis 16 cm und hat sechs Barteln am Maul. Dadurch lässt sie sich leicht erkennen.

Foto des Fisches Bachschmerle Die sechs Barteln am Maul kennzeichnen die Bachschmerle.
Quelle: Randolf Manderbach

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