Silke Hickmann aus dem Fachgebiet Umweltbewertung Arzneimittel vom Umweltbundesamt (UBA) gab den Teilnehmenden einen Einblick in die Entwicklung des Themas „Arzneimittel in der Umwelt“ seit der ICCM4. Dort wurde erstmals eine Resolution zum Thema verabschiedet, mit dem Ziel, Bewusstsein und Verständnis sowie Zusammenarbeit zum Thema zu stärken. In diesem Sinne wurde unter SAICM seitdem in einem Projekt mit der Global Environment Facility (GEF) eine Informationsplattform zu emerging policy issues erstellt, auf der Akteure Informationen austauschen können. Das Projekt hat auch das Instrument der „Community of Practice“ als globales Netzwerk etabliert. In Vorbereitung auf die ICCM5 wäre es wünschenswert, solch eine „Community of Practice“ als Diskussionsplattform und für konkrete Kooperationen zum Thema ins Leben zu rufen.
Die IOMC Organisationen haben das Thema Arzneimittel in der Umwelt seit 2015 in Berichten aufgegriffen, unter anderem veröffentlichte die OECD einen Bericht „Arzneimittel in der Umwelt“. Ein erster Ansatz für eine bessere Regelung von Arzneimittelemissionen aus Produktionsbetrieben sind die Arbeiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Berücksichtigung von Umweltaspekten im Kontext der „guten Herstellungspraxis“.
Die jüngsten Entwicklungen auf EU Ebene sind der Strategische Ansatz der Europäischen Union für Arzneimittel in der Umwelt sowie die EU Arzneimittelstrategie. Die Strategie soll den European Green Deal ergänzen, indem sie zur Erreichung des Null-Schadstoffziels bezüglich der Auswirkungen pharmazeutischer Stoffe auf die Umwelt beiträgt. Darüber hinaus sollen Anforderungen an die Umweltverträglichkeitsprüfung und die Verwendungsbedingungen für Arzneimittel erhöht sowie die Nachhaltigkeit der Arzneimittelindustrie gestärkt werden. Die EU Rechtsvorschriften sollen bis 2022 in einem mehrstufigen Konsultationsprozess überarbeitet werden. Auch das UBA hat ein Positionspapier zur Stärkung des Umweltschutzes eingereicht.
Bereits zur ICCM4 hatte das UBA eine Datenbank zu Funden von Arzneimittelwirkstoffen in der Umwelt (PHARMS-UBA) eingerichtet, die ab Herbst 2021 in einer überarbeiteten Version abrufbar sein wird. Ein Projekt der Universität York untersucht Arzneimittelkonzentrationen in Ländern, für die bisher kaum Daten verfügbar sind. Die Ergebnisse beider Datenbanken unterstreichen die Relevanz, das Thema Arzneimittel in der Umwelt weiterhin auch im Kontext von SAICM zu behandeln.
Stephan Luther aus dem Referat für Gewässerschutz des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) stellte die Spurenstoffstrategie des Bundes vor, die sich u.a. mit Spurenstoffen aus Arzneimitteln befasst. Im sog. Spurenstoffdialog wurde die Strategie gemeinsam mit Stakeholdern aus Wissenschaft, Industrie, Umwelt-NGOs, aus den Ländern und der Wasserwirtschaft erarbeitet. Nachdem in zwei Dialogphasen zunächst konkretisierte Maßnahmen erarbeitet wurden, startete im September 2019 eine Pilotphase, in der diese Maßnahmen in der Anwendung getestet und anschließend evaluiert wurden. Mittlerweile werden die letzten Details der Strategie finalisiert, um dann eine erfolgversprechende Implementierung zu ermöglichen. Im Rahmen des Spurenstoffdialogs wurden u.a. Empfehlungen für Kriterien zur Betrachtung (Relevanz) von Spurenstoffen von einem unabhängigen Expertengremium entwickelt und an UBA und BMU weitergeleitet. Darüber hinaus wurden während der Pilotphase für drei relevante Spurenstoffe sog. Runde Tische eingerichtet, an denen Stakeholder jeweils gemeinsam Maßnahmen und deren Umsetzung diskutieren können. Ein übergeordnetes Logo ist Teil der BMU Kampagne "Gib der Natur nicht den Rest" im Rahmen der UN-Wasserdekade und kann unter un-wasserdekade@bmu.bund.de von Stakeholdern, die über das Thema Arzneimittel-Spurenstoffe in Gewässern informieren möchten, beantragt werden. Zur Frage, in welchen Kläranlagen eine vierte Reinigungsstufe nötig wäre, erarbeiteten die Stakeholder des Spurenstoffdialogs einen Orientierungsrahmen, der den Ländern durch die Bund-Länder Arbeitsgemeinschaft Wasser zur Anwendung empfohlen wurde. Herr Luther identifizierte als Erkenntnisse aus dem Spurenstoffdialog, dass bestehende Instrumente verstetigt und ergänzt und Maßnahmen schneller umgesetzt werden sollten. Hierbei helfen Erfolgskontrollen ebenso wie eine verbesserte Transparenz und Öffentlichkeitsarbeit. Maßnahmen sind darüber hinaus auf lokaler und regionaler Ebene anzustoßen und zu fördern und bisherige Aktivitäten können auf weitere Maßnahmenbereiche ausgeweitet werden. Die Reihe der Stakeholder Workshops im Spurenstoffdialog wird fortgesetzt. Darüber hinaus können sich Stakeholder, die zu einem der existierenden oder künftigen Runden Tische beitragen möchten, per Email an Herrn Luther wenden.
Janek Kubelt vom Umweltbundesamt stellte anschließend das aus dem Spurenstoffdialog hervorgegangene Spurenstoffzentrum des Bundes (SZB) vor, welches im Rahmen eines gemeinsamen Projektes eng mit dem Fraunhofer ISI und der IKU GmbH zusammenarbeitet. Das Spurenstoffzentrum ist eine Plattform zum Informationsaustausch und zur Wissenserweiterung für Spurenstoffe und koordiniert seine Arbeit mit den Spurenstoffzentren der Länder (soweit vorhanden) sowie den Stakeholdern und wissenschaftlichen Institutionen. Künftig soll das Zentrum das Expertengremium unterstützen, Managementoptionen erarbeiten und weitere Runde Tische initiieren, moderieren und auch organisatorisch begleiten.
Weiterführender Link: Mikroverunreinigungen in Gewässern - UBA-Empfehlungen