Abiotischer Stress bei Kulturpflanzen
Hitze
Die Temperatur entscheidet weitgehend über die Anbauwürdigkeit einer Pflanzenart und beeinflusst maßgeblich Wachstums- und Entwicklungsprozesse. Alle Kulturpflanzen haben einen Temperaturbereich, innerhalb dessen sie optimal gedeihen. Er unterscheidet sich von Art zu Art und hängt auch vom jeweiligen Entwicklungsstadium einer Pflanze ab. So liegt beispielsweise das Optimum für das Pflanzenwachstum bei Weizen zwischen 10 und 25°C. Weicht die Temperatur vom optimalen Temperaturbereich nach oben hin ab, leidet die Pflanze unter Hitzestress, der sich durch bestimmte Symptome an den Pflanzen äußert (z. B. Welkeerscheinungen, schlechte Blütenauslösung, mangelnde Befruchtung, Fruchtdeformation, schlechte Ausfärbung von Früchten). In Verbindung mit einer hohen Sonneneinstrahlung können an der Pflanzenoberfläche Temperaturen erreicht werden, die zu Verbrennungen an Blättern (z. B. von Weizen, Gemüse) und Früchten (Obst) führen. Es kommt zu einer Schädigung der Proteine und damit der Stoffwechselvorgänge. Bei sehr hohen Temperaturen führt dies meist zu Wachstumsstockungen und zu Qualitäts- und Ertragsverlusten. Das Hitzejahr 2003 zeigt für verschiedene Regionen in Deutschland (z. B. Rheingraben), dass ein deutlicher Ertragsrückgang von Kulturpflanzen mit der Zahl der Hitzetage korreliert.
Die einzelnen Kulturpflanzen vertragen Hitze unterschiedlich gut: Raps, Zuckerrüben und Kartoffeln sind relativ hitzeempfindlich. Die Getreidearten, vor allem Gerste, sind etwas toleranter, zeigen aber mit zunehmender Hitze auch Ertragsdepressionen. Pflanzen subtropischer Herkunft wie Mais, Hirse und Soja sind dagegen ziemlich hitzetolerant. Auch im Bereich Grünland gibt es Grasarten die besonders hitzeempfindlich sind (z. B. Gemeine Rispe), während andere Grasarten hitzetoleranter sind (z. B. Wiesenrispe, Rohrschwingel). Die meisten Kulturpflanzen sind in bestimmten sensiblen Entwicklungsphasen für Hitzestress besonders empfindlich. Beim Weizen sind die Blütenentfaltung und Ausdifferenzierung von Pollen im Mai/Juni solche Phasen, in denen Temperaturanstiege auf über 30 °C zu sterilen Pollen und somit einem Rückgang der Kornzahl führen können. Bei Raps nimmt durch sehr hohe Temperaturen während der Wachstumsphase der Gehalt an ernährungsphysiologisch erwünschten ungesättigten Fettsäuren ab, während der Anteil gesättigter Fettsäuren erhöht wird. Getreide reagiert auf Hitzestress in der Reifephase mit einer so genannten Notreife. Die Körner bleiben kleiner, der Ertrag ist geringer. Entscheidend ist hier also, wann in naher und ferner Zukunft die Hitzephasen auftreten und ob sie während der empfindlichen Entwicklungsphasen der Kulturpflanzen häufiger auftreten. Die Hitzeempfindlichkeit bzw. -toleranz der Kulturpflanzen ist kein isoliertes Phänomen, sondern ist immer im Zusammenhang mit der Wasserversorgung zu sehen, sei es über Niederschläge oder über Bodenwasservorräte. Hitze wirkt umso schlimmer, je weniger eine Verdunstungskühlung (Transpiration) Abhilfe schaffen kann, d. h. je trockener es ist.
Vom möglichen Schadensausmaß her sind die Gebiete besonders vulnerabel, die einen hohen Anteil an Obst-, Wein- und Gartenbau aufweisen, da Ertrags- und Qualitätsminderungen in diesen Sonderkulturen mit hoher Wertschöpfung besonders zu Buche schlagen. Dagegen sind Regionen mit hohen Grünlandanteilen anpassungsfähiger, da Grünlandbestände ihre Artenzusammensetzung ändern können.
Kälte
Kältestress bedeutet eine Belastung von Pflanzen bei niedrigen Temperaturen. Bei tieferen Temperaturen verlaufen chemische Prozesse langsamer, was für Pflanzen generell weniger Energie aus dem Betriebsstoffwechsel, eine geringere Nährstoff- und Wasseraufnahme aus dem Boden und ein verlangsamtes Wachstum bedeutet. In Folge von Kältestress kann es zu Vergilbungen und Welkeerscheinungen von Blättern kommen. Unterhalb von 0°C treten an vielen Kulturpflanzen Frostschäden auf, die auf eine Eisbildung in den Zellen zurückzuführen sind und wodurch die Zellstrukturen zerstört werden. Für einige Kulturpflanzen, wie Winterweizen, ist ein klimawandelbedingter Rückgang der Frosttage problematisch, da in einer bestimmten Wachstumsphase, dem Übergang der Pflanze von der vegetativen in die generative Phase („Schossen“) ein Kältereiz erforderlich ist. Fehlt dieser, leiden die Ernten. Spätfröste im Frühjahr gehören insbesondere im Obst-, Wein- und Gartenbau zu den gefürchtetsten Extremwetterereignissen. Sie führen zu Schäden an Blättern, Triebspitzen und Blütenanlagen und hemmen die Fruchtentwicklung. Frostrisse und Frostnarben an den Früchten führen zu qualitativen Beeinträchtigungen, die dadurch teilweise nicht mehr vermarktungsfähig sind. In der Regel ist die Gefahr von Spätfrostschädigungen bei früh austreibenden Sorten, sehr früh gesäten oder gepflanzten Beständen sowie in tieferen Lagen höher. Bei den Kulturen Apfel und Wein gilt, je weiter die Pflanzenentwicklung im Frühjahr bereits vorangeschritten ist, umso verheerender können die Schäden ausfallen. Besondere Beachtung verdient dabei der immer frühere klimawandelbedingte Vegetationsbeginn, durch den sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Pflanzen sich bereits in sehr spätfrostempfindlichen Entwicklungsstufen befinden.
Trockenheit
Sinkt der Bodenwassergehalt unter einen kritischen Wert, ist eine Versorgung der Pflanzenwurzeln mit Wasser und Nährstoffen und deren Weiterleitung in andere Pflanzenteile nicht mehr ausreichend gewährleistet. Die Pflanze gerät in Trockenstress. Bei Trockenstress schließen viele Pflanzen ihre Blattöffnungen (Stomata), um weniger Wasser zu verdunsten. Dadurch entsteht aber auch weniger Verdunstungskälte und die Gewebetemperatur der Pflanzen nimmt zu. Für die Landwirtschaft und den Obst-, Wein- und Gartenbau spielt neben der Niederschlagsjahressumme vor allem die zeitliche Verteilung der Niederschläge eine wichtige Rolle. Lange Phasen ohne Niederschläge führen zu Veränderungen und Schäden in allen Stadien des Pflanzenwachstums. Besonders stark sind die Auswirkungen, wenn Wasserstress während empfindlicher Wachstumsphasen von Pflanzen auftreten, etwa während der Blattbildung. Der fehlende Bodenwassergehalt behindert die Verfügbarkeit und Aufnahme von Nährstoffen und führt zu einer Herabsetzung der Photosynthese. Dies kann eine Wachstums- und Reifehemmung, Vergilbungen, vorzeitige Herbstfärbung und Blattfall verursachen.
Die landwirtschaftlichen Kulturpflanzen haben eine unterschiedliche Toleranz gegenüber Trockenstress. Während flachwurzelnde Pflanzen wie Kartoffeln sehr sensitiv auf eine geringe Bodenfeuchte reagieren, verfügen Apfel, Wein und Spargel über sehr tief reichende Wurzeln und können sich damit ein größeres Bodenwasservolumen erschließen. Sie sind gegenüber dem Austrocknen der oberen Bodenhorizonte vergleichsweise weniger anfällig. Aber auch bei diesen tiefwurzelnden Kulturen kommt es in Folge lang andauernder Trockenheit zu einer ungenügenden Deckung des Wasserbedarfs und dadurch hervorgerufenen Schädigungen. Laut Daten des Deutschen Wetterdienstes hat die Zahl von Tagen mit niedriger Bodenfeuchte in Deutschland seit 1961 bereits deutlich zugenommen und führte je nach Region zu deutlichen Ernteeinbußen mit entsprechenden wirtschaftlichen Schäden. Vor allem in Südwestdeutschland und Teilen der östlichen Bundesländer sind als Folge des Klimawandels abnehmende Niederschlagsmengen im Sommerhalbjahr und mehr aufeinanderfolgende Trockentage zu beobachten. In diesen bereits heute vergleichsweise warmen oder trockenen Regionen wird der Klimawandel für die Landwirtschaft zunehmend problematisch.
Dauer- und Starkniederschlag
Auch ein Übermaß an Niederschlägen kann das Pflanzenwachstum beeinflussen und negative Folgen für die Landwirtschaft und den Garten-, Obst- und Weinbau haben. Dabei stellen ausgedehnte Nässeperioden (Dauerregen) mit einem wassergesättigten Boden in zweierlei Hinsicht eine extreme Wetterlage dar. Zum einen leiden die Pflanzenwurzeln unter Sauerstoffmangel, wodurch das Wurzelsystem geschädigt wird. In der Folge kommt es zu Wachstumsstockungen, Reifeverzögerungen, Vergilbungen und einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber Schadorganismen. Im schlechtesten Falle sterben die Pflanzen und Bäume ab. Zum anderen ist der Boden so nass, dass ein Befahren mit Landmaschinen zur Aussaat, Pflege und Ernte der Pflanzen ohne Schäden nicht möglich ist. Mit dem Fortschreiten des Klimawandels muss davon ausgegangen werden, dass Starkniederschläge in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten mit hoher bis sehr hoher Wahrscheinlichkeit zunehmen werden. Neben Ertragsausfällen durch übermäßige Nässe geht Starkregen oftmals auch mit einem verstärkten Oberflächenabfluss (Wassererosion) einher und verursacht dadurch Schäden an landwirtschaftlichen Flächen und Infrastrukturen.
Hagel
Hagel kann im Ackerbau und in den Sonderkulturen des Garten-, Obst- und Weinbaus im Extremfall die gesamte Ernte eines Anbaugebietes zerstören und dadurch hohe wirtschaftliche Schäden verursachen. Hagel verursacht insbesondere mechanische Schäden an oberirdischen Pflanzenteilen, Blättern und dem Erntegut. Durch das Durchlöchern oder sogar Abschlagen der Blätter werden die Assimilationsfläche und damit die Fotosyntheseleistung reduziert. Durch die Beschädigung des Erntegutes kann es neben der optischen Qualitätsbeeinflussung auch zu Sekundärinfektionen und einer Reifeverzögerung kommen. Nach Angaben von Versicherungsunternehmen hagelt es bereits heute häufiger als in vorherigen Jahrzehnten. Generell wird im Zuge des Klimawandels von einer Zunahme der Hagelschlaggefahr von Nord- nach Süddeutschland ausgegangen.
Sturm
Auch durch Sturm kann es bei landwirtschaftlichen Kulturpflanzen und bei Sonderkulturen zu mechanischen Beschädigungen kommen, entweder direkt durch den Wind oder durch windtransportierte Partikel (Winderosion). Starke Sturmböen sind in der Lage, ganze Bäume umzukippen, Schäden an den Unterstützungsvorrichtungen im Weinbau hervorzurufen oder bei Gemüsekulturen ganze Triebe zu brechen. Oft treten in Folge dieser Schäden erhebliche Entwicklungs- und Reifeverzögerungen auf. Es können Druckstellen, Scheuerspuren (z. B. durch Unterstützungsvorrichtungen) oder Abschmirgelungen an Trieben oder dem Erntegut entstehen. Dies bringt qualitative Verluste mit sich und schafft Eintrittspforten für Krankheitserreger. In der Regel nimmt das Risiko für größere Sturmschäden bei Dauerkulturen mit fortschreitender Entwicklung und Blattfläche zu. So ist die Anfälligkeit für Sturm besonders hoch, wenn Apfel und Wein einen hohen Fruchtbehang aufweisen. Zu hohe Windgeschwindigkeiten behindern des Weiteren die Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln. Durch Winderosion kann es hier zu einem Abdriften kommen und damit zu einer Verlagerung von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen auf andere Flächen.
Indikatoren aus dem Monitoring zur DAS: Ertragsschwankungen | Hagelschäden in der Landwirtschaft