Vor dem Hintergrund ihres etablierten Selbstverständnisses als „neutrale Intermediäre“ zwischen Kapital-Anbietern und -Nachfragern spielten für die Mehrheit der Finanzinstitute Motive wie einen „Beitrag zur nachhaltigeren Entwicklung“ zu leisten eine ebenso untergeordnete Rolle wie die Sorge vor „dirty profits“ durch Investitionen in Projekte, die einer nachhaltigen Entwicklung gegebenenfalls im Wege stehen.
Nur „indirekte“ Betroffenheit
Die überwiegende Zahl der konventionellen Finanzinstitute fühlt(e) sich, ohne eigene Produktion und damit verbundenen Ressourcenverbrauch und Umweltauflagen etc., von Nachhaltigkeitsthemen, wenn überhaupt, nur indirekt betroffen – über die von ihnen finanzierten oder versicherten Unternehmen (Scope 3-Emissionen).
Externe Wirkungen einer Finanzierung – zum Beispiel in Form eines positiven oder negativen Beitrages des finanzierten Unternehmens zur Transformation – wurden beziehungsweise werden deshalb in der Regel nicht betrachtet, da sie unmittelbar und kurzfristig keine Implikation für das „magische Dreieck“ der Investitionsentscheidung (basierend auf Rendite, Liquidität und Sicherheit) haben. Dies gilt zumindest, solange sich das Unternehmen im gesetzlich festgelegten und gesellschaftlich akzeptierten Rahmen bewegt.
Nachhaltigkeitsrisiken kurzfristig betrachtet
Ähnlich verhält es sich auch mit den Nachhaltigkeitsrisiken. Da das Engagement – also die Kredit-Laufzeiten bzw. Halte-Zeiten für Unternehmensanteile – tendenziell eher kurzfristig angelegt ist, wird im Zusammenhang mit Finanzierungsentscheidungen primär auf kurzfristige Risiken abgezielt. Da Risiken im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit in der Regel eher als langfristig angesehen werden, spielen sie in finanzwirtschaftlichen Entscheidungen noch immer zumeist eine untergeordnete Rolle.
Auf dieses Problem machte Mark Carney, der damalige Governor der Bank of England und Chairman des Financial Stability Board (FSB), 2015 in seiner Rede unter dem Titel „Breaking the tragedy of the horizon – climate change and financial stability“ vor Führungspersonen aus dem Finanzsektor in London eindrücklich aufmerksam. Darin machte er deutlich, wie die kurzfristige Orientierung der Finanzmarktakteure in punkto Klimarisiken nicht nur einzelne Institute bedroht, sondern das Finanzsystem insgesamt und mit ihm das Wohl zukünftiger Generationen.
Dabei ist eine Ausnahme von der Regel erwähnenswert: Wenn Nachhaltigkeitsrisiken auf Kundenseite für Finanzinstitute bisher überhaupt eine nennenswerte Rolle spielten, dann vor allem als Reputationsrisiken. So will man als auf seinen guten Ruf bedachtes Finanzinstitut natürlich nicht mit Unternehmen in Verbindung gebracht werden, die für Skandale in der öffentlichen Kritik stehen, beispielsweise im Zusammenhang mit Umweltverschmutzung oder der Missachtung von Arbeitnehmerrechten.
Insgesamt aber werden in den traditionellen Modellen der Finanzwirtschaft weder die Kosten noch die Risiken nicht-nachhaltigen Wirtschaftens eingepreist. Die Kosten werden in der Regel externalisiert (siehe oben), und wirken sich so nicht auf die Rendite bzw. finanzielle Leistungsfähigkeit der finanzierten Unternehmen aus.
Vermeintlich geringere Profitabilität nachhaltiger Investitionen
In dieser Situation bedeutet Nachhaltigkeit, so die verbreitete Einschätzung, höhere Informations-/Transaktionskosten und ein kleineres Anlageuniversum, mit weniger Diversifikation sowie mehr Risiko und letztendlich weniger Rendite (wobei diese Einschätzungen insbesondere mit Blick auf die Renditen nachhaltiger Anlagen als widerlegt betrachtet werden können).
Mangelnde Kompetenzen
Das fehlende Risikobewusstsein auf der einen Seite, in Verbindung mit der zum Teil sehr hohen Komplexität und Interdependenz von Nachhaltigkeits-Risiken auf der anderen Seite trugen auch zur schleppenden Entwicklung entsprechender Kompetenzen bei.
Fehlende Daten
Für eine Beurteilung der Nachhaltigkeitsrisiken ihrer Finanzierungen liegen den Finanzinstituten die wünschenswerten Daten oft nicht oder nur in ungenügender Qualität vor. Das betrifft sowohl die Daten, die von den finanzierten Unternehmen der Realwirtschaft noch nicht in ausreichendem/r Umfang und Qualität erhoben und berichtet werden als auch die oftmals hochaggregierten Makrodaten zum Zustand der Umweltmedien auf nationaler Ebene (die kaum auf die Unternehmensebene heruntergebrochen werden können).
Fehlende Nachfrage durch Kunden
Gleichzeitig ist aber auch auf der Nachfrage-Seite das (lange) fehlende Bewusstsein der Anleger augenfällig: Auch wenn das Interesse an nachhaltigem Konsum insgesamt zunahm, war Geld lange kein (Nachhaltigkeits-)Thema. Im Vordergrund stand auch hier zumeist die finanzielle Rendite und – vor allem im deutschen Kontext – der Wunsch nach Sicherheit. Nur wenige Finanzinstitute haben sich hier darum bemüht, ihren Kunden zu vermitteln, dass angelegtes Geld nicht nur „auf der Bank liegt“, sondern in der Welt wirksam ist, positiv oder negativ. Sozial verantwortliche bzw. nachhaltige Geldanlage war ein Nischenmarkt – und ist es, trotz starken Wachstums, immer noch.
Zu wenig Angebot an geeigneten nachhaltigen Investitionsobjekten
In diesem Zusammenhang ebenfalls erwähnt werden soll das vor allem von Finanzakteuren häufig zitierte „Problem der fehlenden Pipeline an Investitions-geeigneten nachhaltigen Unternehmen und Projekten“. Da es sich beim Nachhaltigen Wirtschaften um einen vergleichsweise jungen Bereich handelt, ist dieses Argument nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Gerade in den Anfangsjahren handelte es sich hier vor allem um Projekte und Initiativen, die vergleichsweise klein, innovativ, illiquide und riskant waren – geeignet eher für spezialisierte Risikokapital-Geber als für Mainstream Banken und Investoren. Mittlerweile ist Nachhaltigkeit aber immer tiefer in der Gesellschaft und Wirtschaft angekommen, sodass Finanzakteure gemeinsam mit ihren Investitionsobjekten an nachhaltigen Lösungen arbeiten und damit zwischen der Finanzierung nachhaltiger und weniger nachhaltiger wählen können.
Negative Folgen der nicht nachhaltigen Ausrichtung des Finanzmarktes
In der Summe hatte die kurzfristige Rendite-Orientierung in Verbindung mit falschen Anreizsystemen und unzulänglichem Risikomanagement zur Folge, dass Finanzmittel überwiegend in Geschäftsmodelle und Projekte flossen, die mit Blick auf die Transformation zumindest nicht hilfreich und oft „fragwürdig“ sind.
Dass sich auf dieser Basis aber Probleme nicht nur für einzelne Institute, sondern für den Finanzsektor und die Wirtschaft insgesamt ergeben können, hat sich in der Vergangenheit wiederholt in Finanzkrisen gezeigt, so in der „Dot.com-Blase“ um die Jahrtausendwende und in der Immobilienpreiskrise im Jahr 2008.
Dem nicht widersprechend, wie nachfolgend kurz aufgezeigt wird, gibt es gute Gründe – aus Theorie und Praxis – zu glauben, dass der Finanzsektor in der Lage wäre, einen positiven Beitrag zur Transformation zu leisten.